Jetzt geht´s um die Wurst
Der virtuelle Wiener Würstelstand - nicht nur für Insider
So, lieber Besucher, jetzt geht es richtig um die Wurst. Wer sich beim Würstelstand, ganz speziell bei einem Wiener Würstelstand, erfolgreich behaupten will, braucht das richtige Handwerkszeug und fundierte Kenntnisse über die angebotenen Spezialitäten.
Sie glauben, Sie können einfach so mir nichts dir nichts das bestellen, was Sie möchten ? Weit gefehlt. Um wirklich das zu beim Würstelstand zu bekommen, auf was man gerade "einen Gusto" hat, sind gewisse sprachliche Voraussetzungen vonnöten. Denn dem Wiener ist die Wurst nicht wurst. Und wer in Wien Wiener Würsteln bestellt, der hat schon verloren. Denn in Wien heißen die Wiener Würsteln Frankfurter. Dazu aber mehr unter Würstel-Geschichte. Das ist aber beileibe noch das geringste Problem, mit welchem Sie konfrontiert werden.
Wir wollen uns nun einmal zur Einführung einen typischen Dialog zwischen einem Kunden und dem Würstelmann anhören. Wobei wir hier nur die Bestellung wiedergeben, das Vorgeplänkel ersparen wir uns.
Würstelmann: "Grüß Sie, der Herr. Woas derf´s sein ?"
Kunde: "Gi ma a Eitrige mid an Buggl und a Seidl Bier. Und zwa Gurkeln, owa de Eitrige net aufgschniddn, nur amoal in da Middn durch."
Würstelmann: "Derf´s sunst no was sein, Herr Doktor ?"
Kunde: "Na, woart, gi ma ka Seidl, gi ma a 16er Blech. Und a Glasl dazu."
Soweit der Dialog zwischen den beiden Herren. Alles verstanden. Ja. Dann brauchen Sie eigentlich gar nicht mehr weiterlesen, denn wie ich sehe, sind Sie mit den Gebräuchen und Gepflogenheiten beim Würstelstand bestens vertraut. Dann wünsche ich Ihnen guten Appetit.
Nichts verstanden ? Keine Sorge, dies passiert vielen, überhaupt, wenn Sie nur zu Gast in dieser wunderschönen Stadt mit Namen Wien sind. Also, dann wollen wir gemeinsam das Gespräch ins Hochdeutsche übersetzen.
Der Beginn der Konversation dürfte nicht allzu schwierig sein. "Grüß Sie, der Herr." ist der Standardsatz jedes wohlerzogenen Würstelverkäufers. Ein perfekter Würstelverkäufer sagt sogar dann "Grüß Sie, der Herr,", wenn eine Dame vor ihm steht. Und der Wiener Würstelverkäufer strebt eigentlich immer nach Perfektion. Das darauffolgende "Was derf´s sein ?" stellt jetzt weniger eine Frage an den hungrigen Gast dar, sondern gibt dem vor dem Würstelstand Lauernden zu erkennen, daß er nun mit der ungeteilten Aufmerksamkeit des Verkäufers rechnen kann. Denn bliebe das "Was derf´s sein ?" aus, würde der geübte und mit den Ritualen vertraute Gast sofort erkennen, daß der ihm gegenüberstehende Würstelmann noch mit anderen, wesentlich wichtigeren Dingen beschäftigt ist. Sie Unwissender fragen jetzt tatsächlich, was es Wichtigeres im Leben eines Würstelverkäufers gibt als den hungrigen Gast zu bedienen ?
Da gibt es unzählige Dinge, die alle aufzuzählen sich selbst mir meiner Kenntnis entziehen. Um nun aber nur die wichtigsten zu nennen. Rapid Wien, einer unserer beiden Wiener Fußball-Großvereine, um nicht zu sagen, Kultverein, hat gerade ein Tor geschossen und auf dem 24 Jahre alten Campingfernseher mit selbst gebastelter Zimmerantenne läuft gerade die Wiederholung. Warum ist dies von wesentlicher Bedeutung, ja geradezu von existentieller Bedeutung für das Fortbestehen des Würstelstandes ? Was haben wir auf der Willkommen-Seite gelernt ? Richtig. Zwei Themenbereiche sind für den Würstelstand-Besucher von größter Bedeutung. Zum einen die Arbeitskollegen "ausrichten", also ohne ihr Wissen über sie lästern. Und zum zweiten Fußball. Gesetzt der Fall, der Würstelverkäufer würde auch nur eine Sekunde diese beiden Themenbereiche aus den Augen verlieren, er wäre draussen aus der Würstelstand-Gemeinde. Er wäre unwiderruflich verloren, im Abseits, ohne Freunde, ohne Zukunft, beraubt seiner Existenz.
Der zweite Fall, und der ist eigentlich wesentlich häufiger anzutreffen als ein Tor von Rapid Wien, wenngleich die sehr viele schießen, aber doch nicht genug, um Fall 2 von seiner Spitzenposition zu verdrängen, ist die sogenannte Strichliste. Hierbei handelt es sich um die codierte und streng geheime sogenannte "schwarze Liste". Auf diesem kleinen Zettelchen, meist mit Werbung einer unserer Großbrauereien versehen, steht alles, was die harte Würstelstand-Gemeinde betrifft. Wer also auf diesem Stück Papier steht, kann von sich behaupten, es geschafft zu haben. Denn diese Liste ist nur dem wirklich elitären Kreis bestimmt, wer da drauf will, muß einiges dafür tun. Schauen Sie, Sie als Würstelstand-Eintagsfliege brummen einmal in Ihrem Leben daher, lassen sich für kurze Zeit auf der Würstelstand-Wiese nieder, essen, trinken, zahlen und schwirren dann davon. Aber es gibt noch die wirklichen Würstelstand-Schmetterlinge, verzauberte Wesen, die ihren Rüssel oft, sogar sehr oft in den Nektar stecken. Und genau für diese Lichtgestalten gibt es diese "schwarze Liste". Echte Mitglieder zahlen nicht, echte Mitglieder bestellen nicht und die allerechtesten Mitglieder gehen nicht. Ein perfekter Würstelverkäufer sperrt deshalb auch nicht seinen Würstelstand zu, wann es ihm paßt, sondern dann, wenn es dem Vorsitzenden der Würstelstand-Gemeinde in den Sinn kommt. Und glauben Sie mir, das kann dauern. Und eben für diese Mitglieder gibt es diese hilfreiche Gedankenstütze. Welcher Würstelverkäufer will sich schon alles merken, was so im Laufe einer Diskussionsrunde konsumiert wird, und sei er auch noch so perfekt.
Also gedulden Sie sich bitte, bis Sie durch die Fragestellung "Was derf´s sein ?" sicher sein können, die ungeteilte Aufmerksamkeit zu haben.
Kommen wir nun zur Antwort des Kunden: "Gi ma a Eitrige mid an Buggl und a Seidl Bier. Und zwa Gurkeln, owa de Eitrige net aufgschniddn, nur amoal in da Middn durch." Was bitteschön heißt das ? Relativ simpel, relativ einfach, aber erst nach Jahrzehnten wirklich zu verstehen. Aber Gott sei Dank haben Sie ja mich ! Ich gebe hier Insider-Wissen zum besten, auch auf die Gefahr hin, daß ich damit unter den Themenbereich 1 falle, aber ich sehe der Gefahr ins Auge.
Also, hier wird ganz einfach der Wunsch geäußert, man möge dem Gast eine Käsekrainer mit einem Brotanschnitt und einem kleinen Bier kredenzen. Das Ganze möge der Verkäufer mit zwei Essiggurken servieren und die bestellte Wurst nur einmal in der Mitte auseinanderschneiden, so der zweite Satz der Bestellung. Na, war das so schwer ?
Kommen wir nun zur darauf folgenden Antwort bzw. neuerlichen Fragestellung des Perfektionisten hinter dem Würstelgriller. Denn daß es sich um einen solchen handelt, erkennt der Insider spätestens jetzt. Übersetzt ins Hochdeutsche lautet die Frage: "Darf es sonst noch etwas sein, Herr Doktor ?" Herr Doktor ?! Ganz genau, der Perfektionist unter den Würstelverkäufern wird Sie immer mit "Herr Doktor" anreden. Außer Sie sind natürlich ein wirklicher Doktor und der freundliche Herr hinter der Theke weiß dies. Dann wird er Sie nicht mit "Herr Doktor" anreden, sondern mit "Herr Amtsdirektor" oder gleich mit "Herr Hofrat". Also wiederholen wir noch einmal. Alle Gäste, welche dem Verkäufer unbekannt sind, werden mit "Herr Doktor" angesprochen. Dies gilt ebenso für alle dem Würstelverkäufer Bekannten, die keinen Doktortitel haben. Und alle diejenigen, welche nach Kenntnisstand des Würstelmannes den Doktortitel vorangestellt haben, werden auf der Karriereleiter um mindestens eine Stufe nach oben befördert. Sollten Sie also auf den Titel eines Hofrates Wert legen, aber selbst keinen besitzen, lassen Sie einfach beiläufig in Ihr Gespräch einfliessen, daß Sie ein Doktor sind. Alle anderen werden sowieso mit "Herr Doktor" angesprochen, dafür brauchen Sie nicht einmal studiert zu haben.
Kommen wir nun zum Finale unserer Konversation. Der Gast hat sich nach erneutem Überlegen dazu entschieden, ein kleines Bier ist sei ihm für seinen Durst dann doch etwas zu wenig. Also disponiert er gedankenschnell um und bestellt sich nun eine Dose Bier einer Wiener Brauerei aus dem 16. Bezirk, den Namen nenne ich aus Gründen der Schleichwerbung jetzt nicht. Und da der Herr Doktor eigentlich ein Herr Hofrat ist, wünscht er das Bier in einem Glas eingeschenkt zu bekommen.
So, werter Herr Doktor oder sollten Sie ein solcher sein, sehr verehrter Herr Hofrat, ich hoffe, ich konnte Ihnen einen ersten Einblick in die Techniken einer erfolgreichen Bestellung bei einem unserer Wiener Würstelstände geben.
Diese Seite wird nach und nach ausgebaut, denn es gibt noch so vieles zu erzählen über Wien und seine Würstelstand-Kultur.
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